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17.03.2017

Klez.e

80er Epigonen & Gegenwartskritiker

Interview

Klez.e haben mit "Desintegration" in vielerlei Hinsicht ein spannendes Album vorgelegt. Okay, es ist ziemlich finster geworden, aber wir leben in finsteren Zeiten. Anläßlich des Konzerts im Molotow haben wir Sänger Tobias Siebert stellvertretend für seine Band vorab ein paar Fragen per E-Mail gestellt.


3TW: Würdet Ihr zustimmen, wenn man behauptet, dass Eure aktuelle Platte "Desintegration" entlarvt, wie die Vergangenheit die Zukunft einholt und dass sich alles übereinanderlegen lässt? Dass die private gleichzeitig die öffentliche Krise ist und umgekehrt?


TS: Ja, es verläuft scheinbar alles in Wellen, die sich wiederholen und dann übereinander legen lassen. Wie Oktaven, die sich addieren und dann eine gewaltige Kraft erzeugen. Als ich begonnen habe, Texte für Desintegration zu schreiben, waren die erst einmal eher sehr aktuell, gegenwärtig und haben dann schnell die Tür in die Vergangenheit mit den recht ähnlichen Problemen geöffnet. Wir waren dann gedanklich ganz schnell in 1989 und bei der Maueröffnung und dem Wandel Ost zu West, Sozialismusdiktatur zu "freier" Kapitalismus Marktwirtschaft. Geboren in der DDR, wurde mir um ´89 herum sehr schnell klar, dass der ganze Glanz sehr verlogen ist. Nur anders schlimm als das DDR System.Ich habe mir dann die Haare zerrauft und mich nur noch schwarz angezogen und "Disintegration" von The Cure in die Hände bekommen und mich in meine "düstere Welt Glocke" zurückgezogen. Im Grunde hab ich das bis heute nicht aufgeben können bzw. bricht dieses Gefühl gerade wieder sehr auf in mir und ich fühle mich ständig erinnert.


3TW: Apropos “Übereinanderlegen”. Wann kam Euch die Idee, mit der Cure-Coverästhetik zu spielen? Irgendwie ja ein kleiner Geniestreich, weil es einerseits als Referenz an den Sound funktioniert und weil man andererseits gerade bei dem Wort “Integration” irgendwie an die Tagespolitik denkt.


TS: Genau das war der Punkt. Wir haben das Jetzt und wir haben die Verbindung zu unserer Jugend, der Musik und der politischen Haltung aus eben dieser Zeit. Das mussten wir verbinden, es lag ganz einfach auf der Hand. Es ist also sehr sehr richtig und auch wichtig. Die Definition für "Desintegration" ist "Sozialer Zerfall". Einen besseren Namen hätten wir für das Album nicht finden können und wir haben dann auch gleich die Verbindung zu "Disintegration" von The Cure und dem Jahr 1989, in dem das Album erschienen ist. Klanglich erinnert unser Album dann aber eher an Anfang der 80er, an Cure's "Faith" oder an "Monarchie und Alltag" von Fehlfarben, an Siouxsie and the Banshees, oder das erste Album von Dead Can DanceDer kalte Sound dieser Zeit ist topaktuell.


3TW: Es gibt einen Kommentar auf Eurer Facebookseite, wo sich eine junge Dame quasi im Namen einer Gothikszene für das Album bedankt. Fühlt Ihr Euch einer solchen Szene überhaupt zugehörig? Ihr habt ja mit dem “Strandlied” beispielsweise auch schon Indie/Electronic-Songs geschrieben. Fühlt Ihr Euch manchmal mißverstanden von Leuten, die Euch erst jetzt kennenlernen?


TS: Ich fühle mich da sehr zugehörig. Wie ich eingangs beschrieben habe, umgeben wir uns seit ´89 mit eher dunkler Musik. Da uns die meisten "Dark Bands" hierzulande auf Grund ihrer Fassadenhaftigkeit aber eher langweilen und auch deren musikalischer Style, haben wir schon zur ersten Platte "Leben Daneben" viel experimentiert und sind auf  so eine Elektro/Gitarren-Mischung gestossen. Wir waren sehr jung und gerade mittendrin im Indie-Hype Anfang der 2000er. Das hat uns natürlich stark beeinflusst. Bands wie Radiohead oder Portishead waren da grosse Wegweiser. "Strandlied" ist aber schon auch eher ein dunkles Lied, zumindest textlich. Mit dem dritten Album "Vom Feuer der Gaben" haben wir dann allerdings schon anklingen lassen, wohin die Reise zukünftig gehen wird. Wir haben für die Tour alle alten Lieder in ein neues Gewand gesteckt. Sie passen jetzt sehr viel besser zu unserer aktuellen (wiedergekehrten) Stimmung. Es ist auch sehr erfrischend, alte Stücke ganz anders zu spielen. Wir haben gerade auf der Tour große Lust darauf. Wir spielen auf dem diesjährigen Wave Gotik Treffen. Da wollten wir schon lange hin.


3TW: Wie ist die lange Pause zwischen den letzten beiden LPs zu erklären und wie wird es weitergehen? Schreibt Ihr ein Album, wenn Ihr denkt, dass die Zeit reif ist oder schreibt Ihr kontinuierlich Musik?

TS: Für Desintegration war in 2015 die richtige Zeit. Zwischen den beiden letzten LPs haben wir mit Klez.e verschiedene Theaterprojekte begleitet, ich habe mit "And The Golden Choir" ein eigenes Album veröffentlicht und um die 250 Konzerte gespielt. Klez.e war etwas müde geworden von drei recht nah aufeinander folgenden Alben und wir haben uns von fünf Bandfreunden auf drei reduziert. Irgendwie könnte Desintegration jetzt auch das Debüt-Album von Klez.e sein. Wir fühlen uns gerade so nah an unserer Musik wie nie zuvor. Und es ist von daher nicht verwunderlich, dass wir bereits über das nächste Album nachdenken. Im Herbst wird es aber erst einmal ein Live-Album von der "Desintegration"-Tour geben. Ein Doppelalbum auf dem dann auch die alten Songs im neuen Gewand zu hören sind.


Klez.e live und in schwarz/weiß:

Samstag, 18. März 2017 - Mololow

Weitere Infos - > Dreitagewoche Konzertankündigung

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